Notizbuch || LTI – Notizbuch eines Philologen

LTI – Notizbuch eines Philologen ist der Titel eines Buches von Victor Klemperer. Die Abhandlung wurde 1947 veröffentlicht. Das Buch steht unter dem Motto Sprache ist mehr als Blut von Franz Rosenzweig. Es beginnt statt eines Vorworts mit dem Kapitel Heroismus, in dem sich der Autor gegen die maßlose Verwendung der Begriffe Heldentum und heldenhaft im Nationalsozialismus wendet.

Das Kürzel LTI, von Klemperer eigenhändig geprägt, dient ihm zunächst als Parodie auf die ungezählten abkürzenden Bezeichnungen aus der Zeit des Nationalsozialismus: BDM, HJ, DAF usw. Er erklärt es im ersten Kapitel: Lingua Tertii Imperii, Sprache des Dritten Reichs und erläutert weiter: Ein schönes gelehrtes Signum, wie ja das Dritte Reich von Zeit zu Zeit den volltönenden Fremdausdruck liebte: Garant klingt bedeutsamer als Bürge und diffamieren imposanter als schlechtmachen. (Vielleicht versteht es auch nicht jeder, und auf den wirkt es dann erst recht.) Er kommt zum Ergebnis, dass weniger einzelne Reden, Flugblätter oder ähnliches den größten Eindruck hinterließen, sondern vielmehr die stereotypen Wiederholungen zu einer ständigen Beeinflussung führten.


Biographischer Hintergrund

Victor Klemperer (1881–1960) lehrte von 1920 bis 1933 an der Technischen Hochschule Dresden. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sah der mit einer Christin verheiratete und 1912 zum Christentum konvertierte Klemperer sich wegen seiner jüdischen Herkunft zunehmendem Verfolgungsdruck ausgesetzt. Nachdem er 1935 auf Grund des nationalsozialistischen Berufsbeamtengesetzes aus seiner Professur an der TH Dresden entlassen worden war, konzentrierte er sich zunächst auf seine 1933 begonnene „Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert“. Als jedoch den Juden der Zugang zu Bibliotheken und das Abonnieren von Zeitungen und Zeitschriften verboten wurde, musste er auch diese Arbeit aufgeben. So wurde die Niederschrift seiner Tagebücher und die Arbeit an „LTI“ zu seiner Hauptbeschäftigung. Diese Tagebuchnotizen führte Klemperer als Loseblattsammlung, die er in regelmäßigen Abständen durch seine Frau Eva bei einer Freundin verstecken ließ. Vor allem dank der Tatsache, dass seine Frau keine Jüdin war und stets die Treue zu ihrem Mann hielt, überlebte Klemperer die zwölf Jahre der Naziherrschaft.


Aufbau

Das Buch enthält 36 Kapitel.

  • Das 6. Kapitel: Die drei ersten Wörter nazistisch behandelt folgende Wörter: Strafexpedition, Staatsakt und historisch.
  • Im 8. Kapitel Zehn Jahre Faschismus beschreibt Klemperer die Vorführung eines italienischen Tonfilms mit dem Duce als Hauptdarsteller und vergleicht anschließend den italienischen Faschismus mit dem deutschen Nationalsozialismus.
  • Im 19. Kapitel Familienanzeigen macht sich der Autor Gedanken über die Floskeln In stolzer Freude bei Bekanntmachungen von Geburten bzw. In stolzer Trauer bei Gefallenenanzeigen.
  • Im 21. Kapitel, Die deutsche Wurzel, gelangt er nach Überlegungen über die “typisch deutsche” Entgrenzung, d.h. Maßlosigkeit, zur Einzigartigkeit des Antisemitismus im Dritten Reich. Dieser unterscheide sich von der üblichen Judenfeindschaft in drei Punkten: er stellt einen Anachronismus dar, d.h. einen Rückfall in längst vergangen geglaubte Zeiten, er ist in der Organisation der Vernichtung technisch vollendet, und vor allem basiert er auf dem Rassegedanken, so dass Assimilation unmöglich wird.
  • Im 23. Kapitel Wenn zwei dasselbe tun setzt er dem Nazi-Ausdruck gleichschalten Lenins Ausspruch gegenüber, der Lehrer sei der Ingenieur der Seele, und stellt sich somit auf die Seite des Bolschewismus.
  • Das 26. Kapitel, Der jüdische Krieg, schildert eine Routineuntersuchung des Autors durch Gestapo-Beamte, die mit den Worten eingeleitet wird: Ich will den mal flöhen. Seit dem 1. September 1941 waren die in Deutschland verbliebenen Juden durch die Pflicht zum Tragen des Judensterns äußerlich erkennbar.
  • Das 34. Kapitel, Die eine Silbe, handelt von der Schlusszeile des Liedes „Es zittern die morschen Knochen“: Denn heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt. Klemperer berichtet, er habe in einer Ausgabe von 1942/43, nach der Niederlage in Stalingrad, überraschenderweise die wie folgt abgeänderte Zeile gefunden: und heute, da hört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt. Klemperer kommentiert: Das klang unschuldiger. Diese letztere Fassung des Liedtextes ist bis heute diejenige, die im Internet überwiegend einzusehen ist.


Vergleich mit dem „Wörterbuch des Unmenschen“

Die Vorzüge und Qualitäten von Klemperers Buch zeigen sich vielleicht am deutlichsten im Vergleich mit einer ganz ähnlich gelagerten Unternehmung: den von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind zwischen 1945 und 1948 für die Zeitschrift Die Wandlung geschriebenen und 1957 zum ersten Mal in Buchform erschienenen Betrachtungen Aus dem Wörterbuch des Unmenschen.

Sowohl Klemperer als auch Sternberger, Storz und Süskind geht es darum, den Einfluss sichtbar zu machen, den die nationalsozialistische Ideologie auf das Denken der deutschen Bevölkerung gerade über die gleichgeschaltete Alltagssprache erhielt, die in ihren unbewusst in Fleisch und Blut übergehenden Wendungen die Denk- und Sichtweise der sich ihrer Bedienenden weitaus mehr prägte, als jede Hetzrede eines Goebbels oder Hitler.

Klemperers Analysen sind stets in konkrete Alltagssituationen eingebunden, und die Sprecher, die er beobachtet, spezifische Individuen: Jüdische Schicksalsgenossen ebenso wie Gestapobeamte, zur Partei übergelaufene Freunde in gleichem Maße wie er selber, da Klemperer auch sich selbst immer wieder dabei ertappt, in die Sprachfalle der LTI zu geraten.

Es ist gerade nicht die bewusste Manipulation der Sprache durch einen stets anonym bleibenden Unmenschen, sondern der alltägliche und unbewusste Sprachgebrauch, in dem Klemperer das Gift der NS-Ideologie immer wieder dingfest macht. So kann der Leser in den beschriebenen Verblendungen auch die eigenen entdecken. Wirken die Texte Sternbergers, Storz’ und Süskinds trotz ihrer berechtigten Sprachkritik oftmals eher wie eine Vorbereitung auf die neue sprachliche Ideologie der Nachkriegszeit, demonstriert Klemperers Buch einen mutigen Umgang mit der eigenen Sprache. Nichts könnte dies besser illustrieren, als die von Klemperer selbst als Nachwort gewählte Episode, in der ihm in den Wirren des Kriegsendes eine aus Berlin geflüchtete Arbeiterin auf die Frage, wieso sie denn im Gefängnis gesessen habe, schlicht antwortet: „Na wejen Ausdrücken …“


Verfilmung

Im Jahr 2003 wurde LTI unter dem Titel Die Sprache lügt nicht für das Fernsehen adaptiert. Regie bei diesem deutsch-französischen Dokumentarfilm führte Stan Neumann. Der 80-minütige Film wurde im Juli 2005 beim Jerusalemer Filmfestival ausgezeichnet.


Literatur

  • Victor Klemperer: LTI - Notizbuch eines Philologen. Leipzig: Reclam, 1990 ISBN 3379007595
  • Dolf Sternberger, Gerhard Storz, Wilhelm E. Süskind: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1957.
  • Stählerne Romantik, Automobilrennfahrer und nationalsozialistische Moderne; Verlag für Wissenschaft und Forschung (VWF); Hrachowy, Frank O.; Berlin 2005. Schriften zur Literaturwissenschaft. Diese Untersuchung basiert auf Klemperers LTI und untersucht die von ihm spezifizierte NS-Propagandasprache in den Veröffentlichungen der zeitgenössischen Volksheroen.


Siehe auch

  • Völkischer Beobachter, Propaganda, Der Stürmer, Fanatismus, Sprache des Nationalsozialismus


Weblinks

  • Aus Kapitel 1 und 3
  • parapluie: aufgelesen
  • Literaturliste zum Thema (Uni Heidelberg)

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